Ich bin mittlerweile 55 Jahre alt, reise sehr gerne und habe über die Jahre schon ziemlich viele Städte gesehen. Barcelona, London, Lissabon, Rom, Mailand, Paris, Athen und viele, viele mehr. Manche davon auch mehrmals. Früher bedeutete eine Städtereise für mich vor allem eines: möglichst viel mitnehmen. Am besten schon vor der Abreise wissen, was ich alles gesehen haben muss. Morgens früh raus, Sehenswürdigkeiten abhaken, weiter zur nächsten Kirche, zum nächsten Museum, zum nächsten Aussichtspunkt.
Das Inhaltsverzeichnis
Heute reise ich anders.
Nicht, weil ich mit 55 keine zehn Kilometer mehr durch eine Stadt laufen könnte. Das kann ich durchaus. Sondern weil ich irgendwann gemerkt habe, dass ich von einer Stadt viel mehr habe, wenn ich aufhöre, sie wie eine To-do-Liste zu behandeln.
Ich muss nicht zum fünften Mal vor dem Eiffelturm stehen. Ich muss in Rom nicht schon wieder das Kolosseum fotografieren. Und wenn ich nach Barcelona fliege, hängt der Erfolg meiner Reise nicht davon ab, ob ich erneut die Sagrada Família von innen gesehen habe.
Ich möchte mittlerweile lieber wissen, wie sich eine Stadt anfühlt.
Früher wollte ich alles sehen
Meine ersten Städtereisen waren ziemlich klassisch. Reiseführer kaufen, Sehenswürdigkeiten markieren, Route planen.
Drei Tage Rom? Dann mussten natürlich Colosseum, Forum Romanum, Vatikan, Spanische Treppe, Trevi-Brunnen, Pantheon und Piazza Navona irgendwie hineinpassen.
Paris? Louvre, Notre-Dame, Montmartre, Champs-Élysées, Triumphbogen, Eiffelturm, Seine.
London? Westminster, Tower, Buckingham Palace, Piccadilly Circus, Trafalgar Square, Camden Market und natürlich noch irgendein Museum.
Am Abend war ich müde, hatte 25.000 Schritte auf dem Handy und ungefähr 300 Fotos gemacht.
Was ich allerdings manchmal nicht mehr wusste: Wie hieß eigentlich das kleine Café, in dem ich morgens diesen wunderbaren Kaffee getrunken hatte? In welchem Viertel waren wir gestern Abend? Und warum hatten wir eigentlich keine Zeit, einfach noch ein Glas Wein zu bestellen?
Heute erscheint mir genau das wichtiger.
Städtereisen verändern sich, wenn man schon viel gesehen hat
Vielleicht liegt es gar nicht am Alter. Vielleicht liegt es einfach daran, dass irgendwann eine gewisse Reiseerfahrung dazukommt.
Wenn man zum ersten Mal nach Rom fährt, sollte man natürlich das Kolosseum sehen. Es wäre absurd, davon abzuraten. Wer noch nie in Paris war, sollte einmal am Eiffelturm stehen. Und wer Barcelona zum ersten Mal besucht, wird vermutlich an Gaudí kaum vorbeikommen.
Aber beim zweiten, dritten oder vierten Besuch? Dann beginnt für mich der interessantere Teil.
Ich kenne inzwischen dieses Gefühl: Man kommt in einer Stadt an, weiß ungefähr, wie die Metro funktioniert, kennt die wichtigsten Viertel und muss nichts mehr beweisen. Plötzlich darf man einfach loslaufen.
Und genau diese Reisen bleiben mir häufig stärker im Gedächtnis.
Barcelona: Lieber Gràcia als die Ramblas
Barcelona ist ein gutes Beispiel. Natürlich gehören die Sagrada Família, der Park Güell und das Gotische Viertel zu der Stadt. Aber wenn ich heute wieder nach Barcelona fliegen würde, müsste ich nicht als Erstes auf die Ramblas.
Ich würde wahrscheinlich irgendwo in Gràcia sitzen.
Ein Kaffee, ein kleiner Platz, Menschen beobachten. Vielleicht eine Straße entlanggehen, die in keinem Reiseführer unter den zehn wichtigsten Attraktionen auftaucht. Oder Richtung Meer laufen, ohne daraus gleich einen Programmpunkt zu machen.
Barcelona ist nämlich besonders schön, wenn man sich ein wenig von den großen Besucherströmen entfernt. Wenn man nicht alle fünf Minuten aufs Handy schaut, weil um 14.30 Uhr bereits der nächste reservierte Eintritt wartet.

Dann bleibt Zeit für die Dinge, die nicht planbar sind. Ein Laden, in den man eigentlich gar nicht hineinwollte. Eine Bar, die plötzlich interessant aussieht. Ein Gespräch. Ein zweiter Kaffee.
Früher hätte ich wahrscheinlich gedacht: Dafür bin ich doch nicht nach Barcelona geflogen.
Heute denke ich: Genau dafür bin ich hier.
London: Eine Stadt, die man sowieso nie fertig bekommt
London hat mich endgültig davon kuriert, Städte vollständig kennenlernen zu wollen. Das funktioniert dort nämlich schlicht nicht.

London ist so groß und so unterschiedlich, dass man zehn Reisen machen könnte und trotzdem immer wieder in einer anderen Stadt zu landen scheint. Beim ersten Besuch gehören Big Ben, Westminster und der Tower dazu. Keine Frage.
Aber inzwischen finde ich es viel spannender, mir für einen Tag nur ein oder zwei Gegenden vorzunehmen. Vielleicht morgens durch Hampstead laufen. Irgendwo frühstücken. Später nach Notting Hill oder Shoreditch fahren. Buchhandlungen anschauen. In einem Pub landen. Menschen beobachten.
Und wenn dabei ein berühmtes Museum ausfällt? Dann fällt es eben aus.
Gerade London hat mir gezeigt, wie angenehm es ist, nicht jeden Tag einen touristischen Höhepunkt produzieren zu müssen.
Ich kann vier Stunden durch London laufen und am Abend sagen: Heute habe ich eigentlich nichts Besonderes gemacht.
Und trotzdem war es ein perfekter Tag.
Rom: Das Leben findet nicht nur zwischen antiken Steinen statt
Rom ist für mich eine der Städte, bei denen man besonders leicht in den Sehenswürdigkeiten-Modus verfällt. Überall Geschichte. Überall Kirchen, Ruinen, Plätze und Kunst. Aber irgendwann habe ich genug Fotos vom Colosseum.

Was ich dagegen wahrscheinlich nie sattbekomme, ist dieses römische Straßengefühl.
In einer kleinen Bar einen Espresso trinken. Durch Trastevere laufen. Abends irgendwo sitzen, wenn die Hitze langsam aus den Straßen verschwindet. Menschen beobachten, Motorroller hören und überlegen, ob es wirklich schon Zeit ist zurückzugehen.
Gerade in Italien fällt es mir besonders leicht, langsam zu reisen. Vielleicht auch deshalb, weil Italien für mich sowieso mehr ist als eine Ansammlung von Sehenswürdigkeiten.
Ich möchte dort essen, laufen, schauen, hören.
Wenn ich dabei eine berühmte Kirche verpasse, kann ich erstaunlich gut damit leben.
Eine schlechte Carbonara würde mich vermutlich mehr ärgern.
Paris: Ich muss nicht mehr auf den Eiffelturm
Ähnlich geht es mir in Paris. Ich weiß, wie der Eiffelturm aussieht. Ich muss ihn weder besteigen noch jeden Abend aus fünf unterschiedlichen Perspektiven fotografieren.
Paris funktioniert für mich mittlerweile viel besser über seine Viertel. Einfach morgens losgehen. Vielleicht über einen Markt schlendern. Eine Bäckerei ausprobieren. An der Seine entlanglaufen. Irgendwann irgendwo sitzen.

Paris ist eine wunderbare Stadt für Menschen, die gerne beobachten. Und genau das ist vielleicht einer der Unterschiede zu meinen Reisen vor 20 oder 30 Jahren.
Damals dachte ich oft, ich müsse ständig etwas machen.
Heute kann ich im Café sitzen oder einen Nachmittag in einem Vergnügungspark verbringen, ohne das Gefühl zu haben, Reisezeit zu verschwenden. Im Gegenteil. Vielleicht lerne ich eine Stadt dabei sogar besser kennen als beim nächsten Museum.
Athen: Akropolis einmal, Stadtleben immer wieder
Auch Athen wird für viele Besucher zunächst auf ein Monument reduziert: die Akropolis. Und natürlich gehört sie zu einem ersten Besuch. Aber Athen ist viel mehr.

Ich mag Städte, die ein bisschen rau sind. In denen nicht jede Ecke perfekt aussieht. Wo moderne Cafés neben alten Häusern liegen und man innerhalb weniger Straßen völlig unterschiedliche Eindrücke bekommt.
Gerade dort würde ich heute nicht mehr versuchen, eine historische Stätte nach der anderen abzuarbeiten. Ich würde lieber durch verschiedene Viertel laufen, essen gehen, irgendwo einen Kaffee trinken und schauen, wohin der Tag mich bringt.
Vielleicht ist das für mich inzwischen der größte Luxus einer Städtereise:
Zeit zu haben, obwohl man nur drei oder vier Tage dort ist.
Das klingt zunächst widersprüchlich. Ist es aber nicht. Zeit entsteht nicht dadurch, dass man länger bleibt. Zeit entsteht manchmal einfach dadurch, dass man weniger plant.
Ich brauche inzwischen Pausen und schäme mich nicht dafür
Früher erschien es mir fast absurd, auf einer Städtereise mittags zurück ins Hotel zu gehen.
Schlafen? Im Urlaub? Dafür habe ich doch nicht bezahlt. Heute sehe ich das völlig anders.
Wenn es heiß ist, gehe ich eben für zwei Stunden ins Hotel. Wenn ich müde bin, setze ich mich hin. Wenn ich abends lange unterwegs sein möchte, muss ich nicht morgens um sieben am Frühstücksbuffet stehen.
Mit 55 kenne ich mich einfach besser als mit 25. Ich weiß inzwischen, was mir Spaß macht und was nicht.
Ich muss niemandem beweisen, dass ich besonders effizient Urlaub machen kann.
Und ich brauche auch keinen Wettbewerb darüber, wer an einem Wochenende die meisten Sehenswürdigkeiten geschafft hat.
Lieber ein richtig guter Abend als fünf weitere Programmpunkte
Was ich inzwischen bei Städtereisen fast wichtiger finde als das Tagesprogramm, ist ein schöner Abend.
Ein gutes Restaurant. Eine Bar. Vielleicht Musik. Ein Platz, auf dem noch Leben ist. Dafür verzichte ich gern auf den vierten Programmpunkt am Nachmittag.
Denn genau diese Abende sind häufig das, woran ich mich Jahre später erinnere. Nicht daran, ob ich in Paris noch Museum Nummer drei geschafft habe.
Sondern an das Restaurant, in dem wir viel länger geblieben sind als geplant. An eine Straße in Rom. An einen Abend in Barcelona. An dieses Gefühl, dass gerade niemand irgendwohin muss.
Google Maps ist mein neuer Reiseführer
Meine Art der Reiseplanung hat sich ebenfalls verändert. Ich plane durchaus noch. Ich schaue mir vorher an, welche Gegenden interessant sind, speichere Restaurants, Cafés, Märkte oder kleine Läden.
Aber daraus entsteht kein Stundenplan. Ich habe lieber 20 gespeicherte Möglichkeiten als zehn feste Termine.
Dann kann ich morgens entscheiden, wonach mir ist. Das Wetter ist großartig? Dann möchte ich draußen sein.
Es regnet in London? Perfekt, dann vielleicht doch ein Museum. Ich entdecke unterwegs ein spannendes Viertel? Dann bleibe ich dort.
Diese Freiheit ist für mich heute viel wertvoller als ein durchoptimierter Reiseplan.
Städtereisen ab 50 bedeuten für mich nicht weniger, sondern mehr
„Langsamer reisen“ klingt manchmal so, als würde man sich altersbedingt einschränken.
So empfinde ich es überhaupt nicht.
Ich sehe nicht weniger.
Ich sehe anders.
Ich nehme mehr wahr.
Ich weiß inzwischen beispielsweise, dass ein Nachmittag auf einer Piazza kein verlorener Nachmittag ist. Dass ich mich nicht rechtfertigen muss, wenn ich in London lieber zwei Stunden in einer Buchhandlung verbringe als im nächsten Museum.
Und dass ein Urlaub auch dann gelungen ist, wenn ich hinterher nicht jedes berühmte Bauwerk fotografiert habe.
Vielleicht ist das sogar einer der Vorteile des Älterwerdens.
Man weiß besser, was einem gefällt.
Meine Regeln für Städtereisen heute
Ein paar Dinge haben sich für mich inzwischen bewährt:
Ich plane höchstens einen festen Programmpunkt pro Tag. Alles andere darf spontan entstehen.
Ich nehme lieber ein Hotel in einer Gegend, in der ich abends noch gerne unterwegs bin, statt irgendwo weit außerhalb ein paar Euro zu sparen.
Ich gehe viel zu Fuß, aber nicht aus Ehrgeiz.
Ich reserviere Restaurants, die ich wirklich ausprobieren möchte.
Ich lasse Lücken im Programm.
Und ich akzeptiere inzwischen problemlos, dass ich eine Stadt niemals vollständig sehen werde.
Das muss ich auch gar nicht.
Denn wenn sie mir gefällt, komme ich eben wieder.
Vielleicht ist genau das Reisen ab 50
Mit 20 wollte ich die Welt sehen.
Mit 30 wollte ich möglichst viel erleben.
Mit 40 wollte ich Reisen gut organisieren.
Und mit 55?
Da möchte ich sie genießen.
Ich brauche keinen Beweis mehr dafür, dass ich in Rom war. Ich muss kein Foto vor dem Eiffelturm posten. Und ich werde auch nicht nervös, wenn ich in Barcelona einen Nachmittag lang einfach nur herumlaufe.
Ich habe schon genug Sehenswürdigkeiten gesehen, um zu wissen, dass die schönsten Erinnerungen ohnehin oft nicht dort entstehen.
Sondern irgendwo dazwischen.
An einem kleinen Tisch in Paris. In einer Seitenstraße in Rom. Bei einem Kaffee in Barcelona. In einem Pub in London oder auf einem Platz in Athen.
Und vielleicht ist genau das meine liebste Art von Städtereise geworden:
Nicht mehr alles sehen zu müssen und dadurch endlich mehr von einer Stadt mitzubekommen.
Habt ihr Lust, mal alleine zu verreisen? Dann solltet ihr dies vorab lesen.
Ein Kommentar
Die Kommentare sind geschlossen.