Gianna Nannini in Berlin: 50 Jahre Rock, mein vielleicht 50. Konzert und ganz viel Gold

Es gibt Konzerte, auf die man sich freut. Und dann gibt es Konzerte, die sich schon Tage vorher anders anfühlen. Der 19. September 2026 gehört für mich ganz eindeutig in die zweite Kategorie. Gianna Nannini kommt in die Berliner Waldbühne und feiert dort mit „GiannaGold 1976/2026“ ihr großes 50-jähriges Karrierejubiläum.

Genau genommen sind es 50 Jahre seit der Veröffentlichung ihres ersten, nach ihr selbst benannten Albums im Jahr 1976. Die offizielle Bezeichnung lautet deshalb „The 50 Years Album Celebration“. Aber bei einer Frau, die seit fünf Jahrzehnten praktisch ständig auf Bühnen steht, darf man wohl trotzdem von einem Bühnenjubiläum sprechen. Und Berlin ist dafür nicht zufällig gewählt: Schon 1988 stand Gianna Nannini in der Waldbühne. Jetzt kehrt sie für ihr einziges großes Konzert des Jahres 2026 dorthin zurück. Geplant ist sogar eine besondere Rockshow mit Symphonieorchester.

Für mich wird dieser Abend noch aus einem anderen Grund besonders. Es müsste ungefähr mein 50. Gianna-Nannini-Konzert werden. Ganz genau habe ich irgendwann aufgehört zu zählen. Seit 1990 begleitet mich diese Frau musikalisch. Mehr als dreieinhalb Jahrzehnte also. Da hängen Konzerte, Reisen, Lebensphasen und Erinnerungen an Liedern, die andere vielleicht gar nicht zuerst mit Gianna verbinden würden.

Meine beiden Lieblingssongs sind jedenfalls nicht „Bello e impossibile“, „I maschi“ oder „Fotoromanza“. Meine heißen „Siamo Vivi“ und „Amore Cannibale“.

Und ja: Wenn eines oder sogar beide Stücke am 19. September in der Waldbühne auftauchen würden, wäre mein Abend ziemlich perfekt.

Giannas Aufruf für die Waldbühne: Gold, bitte!

„GiannaGold“ ist natürlich ein geradezu ideales Motto für ein Jubiläum. Deshalb findet sie: Wer am 19. September kommt, sollte Gold tragen.

Es muss kein komplettes Glitzeroutfit sein. Goldene Jacke, goldenes Shirt, Schmuck, Schuhe, ein Accessoire oder einfach etwas Glitzer im Haar reichen vollkommen. Hauptsache, die Waldbühne bekommt ein bisschen Gold ab.

Einen offiziellen Dresscode gibt es auf der Veranstaltungsseite nicht. Deshalb ist das eher mein persönlicher Fan-Aufruf: Wenn wir schon 50 Jahre Gianna feiern, dürfen wir auch danach aussehen.

Gianna Nannini in Berlin: Gianna Nannini während eines Konzerts im Hamburger Stadtpark 2025
Gianna Nannini während eines Konzerts im Hamburger Stadtpark 2025

Das Konzert beginnt um 19.45 Uhr, Einlass ist bereits um 17 Uhr.

Warum Deutschland für Gianna Nannini so wichtig ist

Dass dieses Jubiläum ausgerechnet in Berlin gefeiert wird, passt erstaunlich gut zu ihrer Geschichte. Gianna Nannini ist natürlich durch und durch Italienerin. Sie kommt aus Siena, ihr toskanischer Akzent ist bis heute nicht zu überhören und Italien zieht sich durch ihre Musik. Trotzdem hat Deutschland für ihre Karriere eine besondere Bedeutung.

In einem Interview im Frühjahr 2026 sagte sie, dass sie in Deutschland ihre musikalische Identität gefunden habe. Bereits 1976 gab sie eines ihrer frühen Konzerte beim Kölner Rundfunk. Später arbeitete sie mit dem legendären deutschen Produzenten Conny Plank, der ihren Sound entscheidend mitprägte. Für Nannini war Deutschland nach eigener Aussage gewissermaßen die musikalische „Initiation“.

Vielleicht erklärt das auch, warum das deutsche Publikum ihr seit Jahrzehnten treu geblieben ist.

Wer schon länger zu ihren Konzerten geht, kennt dieses erstaunliche Bild: Da stehen Menschen, die „Latin Lover“ noch auf Vinyl gekauft haben, neben Leuten, die Gianna erst vor wenigen Jahren entdeckt haben. Nannini selbst beschreibt genau das als etwas Besonderes. Frühe Fans bringen inzwischen teilweise ihre Kinder oder Enkel mit.

Ich gehöre irgendwo dazwischen. Noch ohne Enkel, aber mit inzwischen mehr als 35 Jahren Gianna-Erfahrung.

Was mich an Gianna Nannini immer fasziniert hat

Es ist nicht allein diese Stimme. Natürlich erkennt man Gianna nach wenigen Sekunden. Rau, manchmal fast brüchig, dann wieder erstaunlich weich. Mich hat aber immer etwas anderes mindestens genauso interessiert: Sie hat sich nie besonders darum gekümmert, wie eine Frau im Musikgeschäft angeblich sein sollte.

Nicht in den Achtzigern. Nicht später. Und erst recht nicht heute.

Giannas Auftritt in der Berliner Zitadelle 2022 war nicht ihr letzter Besuch in Berlin
Giannas Auftritt in der Berliner Zitadelle 2022 war nicht ihr letzter Besuch in Berlin

Sie wurde nicht zur italienischen Rockversion irgendeiner perfekt gestylten Popfigur. Sie blieb kantig. Kurze Haare, Hosen, Lederjacke, verschwitzte Bühnenauftritte, Klavier, Gitarre und diese Stimme.

Und vor allem: Alter scheint sie bis heute ziemlich wenig zu interessieren.

Nannini spricht inzwischen ausdrücklich über Ageismus (Altersdiskriminierung). In einem Interview erklärte sie sinngemäß, dass sie weniger an das Alter auf dem Papier als an das innere Lebensgefühl glaubt. Dass Frauen wegen ihres Alters anders bewertet oder irgendwann unsichtbar gemacht werden, lehnt sie ab.

Vielleicht gefällt mir das mit Mitte 50 heute sogar noch besser als mit Anfang 20.

Penelope: Spät Mutter werden und sich dafür nicht rechtfertigen

Auch bei ihrer Mutterschaft machte Gianna Nannini nichts so, wie die Öffentlichkeit es von ihr erwartete.

2010 wurde ihre Tochter Penelope geboren. Nannini war damals bereits in ihren Fünfzigern. Entsprechend groß war die mediale Diskussion. Plötzlich wurde nicht nur darüber gesprochen, dass eine der bekanntesten Rockmusikerinnen Italiens ein Kind bekommen hatte. Vor allem ihr Alter wurde zum Thema.

Dabei passt Penelope eigentlich perfekt in Giannas Lebensgeschichte: Warum sollte gerade sie ihr Leben nach dem Kalender anderer Menschen planen?

Gianna Nannini bei ihrem Konzert in Tarvisio (Italien) im Jahr 2016
Gianna Nannini bei ihrem Konzert in Tarvisio (Italien) im Jahr 2016

In späteren Interviews spricht Nannini erstaunlich normal über das Muttersein. Nicht wie über ein großes Statement, sondern über Diskussionen mit einer heranwachsenden Tochter, über unterschiedliche Musikgeschmäcker und darüber, wie Penelope inzwischen ihrer Mutter sagt, wo es langgeht.

2024 erzählte sie etwa, ihre Tochter habe einen sehr eigenen Charakter und wisse genau, was sie wolle. Gleichzeitig sei ihr genau diese Unabhängigkeit wichtig.

Und Penelope behandelt die berühmte Mutter offenbar ohnehin nicht wie eine italienische Rocklegende. Sie spricht perfekt Englisch und soll Gianna schon klargemacht haben, dass ihre Stimme zwar großartig sei, sie aber besser auf Italienisch singen solle. Taylor Swift steht bei Penelope ebenfalls ziemlich hoch im Kurs.

Das gefällt mir fast noch besser als jede Rockstar-Anekdote.

Mein Sohn (mittlerweile 18) mag Gianna auch und wenn irgendwann die Frage fällt: „Was war eigentlich dein erstes Konzert?“, lautet seine Antwort nicht irgendeine beliebige Band in irgendeiner Halle.

Sondern: Gianna Nannini. In Italien.

Damit kann man leben.

Warum Gianna Nannini nach England ging

Rund um Giannas Wohnort wird vieles verkürzt dargestellt. Oft liest man, sie sei nach London „ausgewandert“. Ganz so einfach ist es nicht.

Sie arbeitete schon seit Jahrzehnten immer wieder in London und nahm dort Musik auf. Zeitweise lebte sie tatsächlich mit Penelope und ihrer langjährigen Partnerin Carla in England. Der entscheidende Grund war damals aber nicht das Wetter, die Musikszene oder eine plötzliche Abneigung gegen Italien.

Es ging um ihre Familie.

Nannini erklärte 2016 und 2017 öffentlich, dass sie sich nach damaliger italienischer Rechtslage Sorgen darüber machte, wie ihre Tochter abgesichert wäre, sollte ihr selbst etwas passieren. In England sah sie bessere Möglichkeiten, ihre familiäre Situation rechtlich zu schützen.

Interessant ist allerdings: Die Geschichte von der dauerhaft nach London ausgewanderten Gianna hält sich bis heute, obwohl sie selbst das inzwischen korrigiert hat.

In einem neueren Interview sagte sie ausdrücklich: Sie lebt in Mailand. Nach London reist sie weiterhin zum Arbeiten, weil sie dort seit Jahrzehnten mit Produzenten, Toningenieuren und Musikern zusammenarbeitet, die zu ihrem Sound passen.

Und irgendwie passt auch das zu ihr. Siena ist Herkunft. Mailand wurde früh ihre musikalische Heimat. London ist Arbeitsort. Deutschland ein wichtiger Teil ihrer musikalischen Entwicklung. Gianna Nannini hat sich ohnehin nie gerne auf einen Ort reduzieren lassen.

Warum sie nicht einfach das Café ihrer Eltern übernommen hat

Wer einmal in Siena war, kommt am Namen Nannini kaum vorbei. Gianna stammt aus einer bekannten Konditorenfamilie. Ihr Großvater Guido gründete bereits Anfang des 20. Jahrhunderts ein Süßwarengeschäft in Siena. Ihr Vater Danilo baute das Geschäft weiter aus. Gianna selbst arbeitete als junge Frau in der familieneigenen Konditorei.

Ihr Vater hätte durchaus gerne gesehen, dass sie im Familienunternehmen bleibt. Und offenbar war sie darin nicht einmal schlecht.

Nannini sagte später, ihr Vater habe große Hoffnungen in sie gesetzt. Die beiden gerieten darüber allerdings immer wieder aneinander. Denn Gianna wollte Musik machen. Mit 18 verließ sie ihre Familie und ging nach Mailand, zunächst sogar ohne Unterstützung ihrer Eltern. Ihre offizielle Biografie beschreibt ziemlich deutlich, dass sie praktisch von zu Hause wegging, um Musikerin zu werden.

Das Familienunternehmen übernahm sie später nicht. Ihr Bruder Alessandro Nannini, den viele noch als ehemaligen Formel-1-Fahrer kennen, kümmerte sich schließlich um das Geschäft, als der Vater Schwierigkeiten bekam. Gianna wiederum übernahm Landbesitz und beschäftigt sich dort unter anderem mit Wein und Olivenöl.

Sie hat das Café also nicht deshalb nicht übernommen, weil sie mit der Familie nichts mehr zu tun haben wollte.

Sie wollte schlicht etwas anderes. Musik.

Im Nachhinein soll ihr Vater kurz vor seinem Tod sogar anerkannt haben, dass es richtig gewesen sei, ihren eigenen Weg zu gehen.

Und jetzt also wieder Berlin

Vielleicht macht genau diese Geschichte den 19. September für mich so besonders.

1976 das erste Album.

1988 die Waldbühne.

1990 begann meine persönliche Geschichte mit Gianna.

Und 2026 sitze oder stehe ich wieder irgendwo dort und höre wahrscheinlich zum ungefähr 50. Mal diese Stimme live.

Ich brauche dabei übrigens gar keine reine Greatest-Hits-Show. Natürlich gehören „America“, „Fotoromanza“, „I maschi“, „Bello e impossibile“ oder „Meravigliosa creatura“ zu einer solchen Feier. Aber ich hoffe, dass Gianna ein bisschen tiefer in ihre eigene Geschichte greift.

Und irgendwo zwischen 50 Jahren Rockgeschichte, Symphonieorchester und einer hoffentlich goldglitzernden Waldbühne hätte ich zwei kleine Wünsche:

„Siamo Vivi“. Und „Amore Cannibale“.

Dann wäre es wirklich mein GiannaGold.