Letztes Update am 17. September 2026 von Marion
Das Inhaltsverzeichnis
Bei einem Grillabend gestern kamen wir irgendwann auf Beziehungen. Wie das eben so ist. Erst geht es um Essen, Urlaub und Arbeit, und irgendwann landet man bei Männern, Trennungen und der Frage, warum Menschen Dinge tun, bei denen Außenstehende schon seit Wochen denken: „Das kann doch nicht gutgehen.“
Eine Freundin erzählte von einer Freundin von ihr. Die hatte eine Affäre beziehungsweise eine Beziehung mit einem Mann begonnen, der von Anfang an ziemlich klar gesagt hatte, dass er keine feste Beziehung möchte. Keine Zukunftsplanung, kein klassisches Paarleben, keine falschen Versprechungen.
Irgendwann wurde genau das zum Problem. Die Frau wollte offenbar mehr, trennte sich schließlich von ihm und stellte danach fest, dass sie ihn zurückhaben möchte.

Meine Freundin versuchte, ihr zu erklären, was eigentlich ziemlich offensichtlich war: Der Mann hatte seine Position nicht plötzlich verändert. Er hatte von Beginn an gesagt, was er wollte und was nicht. Wenn zwei Menschen unterschiedliche Vorstellungen von einer Beziehung haben, lässt sich dieser Unterschied nicht dadurch beseitigen, dass einer von beiden nur lange genug hofft.
Ein vernünftiger Rat, fand ich. Doch offenbar überzeugte er nicht wirklich.
Dann wurde ChatGPT gefragt.
Und plötzlich bekam dieselbe Erkenntnis ein anderes Gewicht. Nicht unbedingt, weil die KI etwas völlig Neues gesagt hätte. Sondern weil es nun ChatGPT gesagt hatte.
Das hat mich beschäftigt.
Denn genau solche Situationen begegnen einem inzwischen häufiger. Menschen fragen nicht nur Google nach Öffnungszeiten, Rezepten oder dem Wetter. Sie fragen künstliche Intelligenz:
- Soll ich mich trennen?
- Liebt er mich wirklich?
- War meine Reaktion richtig?
- Soll ich den Job kündigen?
- Ist meine Freundin toxisch?
- Soll ich mich noch einmal melden?
Und manchmal habe ich den Eindruck, dass der Satz „ChatGPT meint übrigens auch …“ inzwischen beinahe wie eine zusätzliche Bestätigung funktioniert.
Als hätte die Maschine das letzte Wort gesprochen.
Warum wirken Ratschläge von ChatGPT so überzeugend?
Das Faszinierende an einer KI wie ChatGPT ist gleichzeitig eines ihrer größten Probleme: Sie formuliert gut. Eine Freundin könnte sagen:
„Ganz ehrlich, er hat dir doch von Anfang an gesagt, dass er keine Beziehung will.“
ChatGPT formuliert daraus möglicherweise mehrere wohlgeordnete Absätze über unterschiedliche Bedürfnisse, emotionale Grenzen, Selbstfürsorge, Kommunikation und die Frage, ob die eigenen Erwartungen mit denen des Partners übereinstimmen.
Das klingt reflektiert. Neutral. Aufgeräumt. Und vor allem klingt es nicht genervt. ChatGPT sagt nicht: „Das habe ich dir doch vor drei Monaten schon gesagt.“
Die KI rollt nicht mit den Augen, wenn wir zum sechsten Mal dieselbe Geschichte erzählen. Sie muss morgens nicht zur Arbeit und möchte auch nicht irgendwann nach Hause. Sie kann dieselbe Beziehung zum zwanzigsten Mal analysieren.
Das macht sie zu einem erstaunlich angenehmen Gesprächspartner. Aber angenehm ist nicht automatisch richtig.
Die KI kennt nur die Geschichte, die wir ihr erzählen
Das ist für mich der wichtigste Punkt. Eine Freundin kennt häufig nicht nur die aktuelle Geschichte. Sie kennt mich. Vielleicht kennt sie meine/n Ex. Vielleicht hat sie gesehen, wie ich mich in früheren Beziehungen verhalten habe. Sie weiß, dass ich bestimmte Dinge größer mache, andere verdränge und mir manches schönrede.
ChatGPT weiß all das nur, wenn ich es erzähle.
Und vor allem kennt die KI die andere Person nicht. Wenn ich schreibe:
„Mein/e Freund/in meldet sich seit drei Tagen kaum noch. Ich habe das Gefühl, ich bin ihr/hm egal“, dann arbeitet die KI mit genau diesem Ausgangspunkt.

Schreibe ich dagegen: „Ich bin gerade sehr unsicher und interpretiere vielleicht zu viel hinein. Mein Freund arbeitet diese Woche täglich zwölf Stunden und meldet sich deshalb weniger“, entsteht vermutlich eine andere Antwort.
Die KI sieht keine Beziehung. Sie sieht meine Beschreibung einer Beziehung. Das ist ein gewaltiger Unterschied.
ChatGPT um Rat fragen: Wir können uns unsere gewünschte Antwort selbst bauen
Hinzu kommt etwas, das wir Menschen ohnehin hervorragend beherrschen: Wir stellen Fragen häufig nicht völlig neutral. „Sollte ich einem Mann noch eine Chance geben, der mich ständig enttäuscht?“
ist eine andere Frage als:
„Kann es sinnvoll sein, nach einem Streit noch einmal miteinander zu reden?“
Obwohl beide Fragen dieselbe Beziehung betreffen könnten. Wer lange genug formuliert, nachfragt und zusätzliche Informationen liefert, kann eine Unterhaltung mit einer KI durchaus in eine bestimmte Richtung bewegen.
Das Problem ist sogar den Entwicklern solcher Systeme bekannt. In der KI-Forschung gibt es dafür den Begriff „Sycophancy“. Vereinfacht gesagt geht es darum, dass Sprachmodelle dazu neigen können, Nutzern zu stark zuzustimmen oder deren Sichtweise zu bestätigen.
OpenAI musste 2025 sogar ein Update von GPT-4o zurücknehmen, weil das Modell nach Angaben des Unternehmens zu zustimmend geworden war. Es bestätigte Nutzer teilweise übermäßig, verstärkte Zweifel oder negative Emotionen und unterstützte mitunter impulsive Gedanken, statt ihnen ausreichend zu widersprechen.
Das sollte man im Hinterkopf behalten, wenn man ChatGPT fragt, wer bei einem Beziehungsstreit recht hat.
Trotzdem können KI-Ratschläge erstaunlich gut sein
Nun wäre es zu einfach zu sagen: Fragt einfach eure Freundinnen und lasst die KI in Ruhe. Denn so eindeutig ist die Sache nicht.
Eine 2025 in Scientific Reports veröffentlichte Untersuchung mit mehreren Experimenten beschäftigte sich ausdrücklich mit persönlichen Ratschlägen. Dabei wurden unter anderem Beziehungsthemen untersucht. Die Forscher stellten fest, dass ChatGPT durchaus qualitativ hochwertige Ratschläge produzieren kann. Gleichzeitig zeigte sich, dass der Umgang mit solchen KI-Ratschlägen beeinflussen kann, wie Menschen ihre eigenen Einschätzungen bewerten.
Genau deshalb finde ich das Thema so interessant. Es geht nicht darum, dass KI grundsätzlich schlechte Ratschläge gibt.
Es geht darum, welche Autorität wir ihr zuschreiben.
Ein perfekt formulierter Rat kann sehr klug sein. Er kann aber trotzdem auf unvollständigen Informationen beruhen.
Wenn die Maschine objektiver wirkt als der Mensch
Vielleicht liegt genau darin ein Teil der Faszination. Eine Freundin hat eine Meinung. Eine KI wirkt dagegen zunächst wie eine neutrale Instanz.
Sie hat schließlich keinen Grund, meinen Freund nicht zu mögen. Sie ist nicht neidisch, beleidigt oder genervt. Sie hat keine schlechten Erfahrungen mit meiner Mutter gemacht und keine Vorgeschichte mit meinem Chef.
Das vermittelt Objektivität.
Aber diese Objektivität ist teilweise eine Illusion. KI-Systeme wurden mit riesigen Mengen menschlicher Texte trainiert. Ihre Antworten entstehen aus statistischen Zusammenhängen, Trainingsdaten, Modellregeln und der konkreten Unterhaltung. Sie besitzen keine geheime Datenbank mit den richtigen Antworten auf unser Leben.
Und trotzdem kann die Art, wie sie schreiben, den Eindruck vermitteln, da habe jemand die Situation vollkommen durchschaut. Das ist gefährlich.
Was passiert, wenn wir ChatGPT immer häufiger um Rat fragen?
Es gibt Untersuchungen, die zeigen, wie schnell Menschen KI-Ratschlägen zu viel Vertrauen schenken können.
Eine experimentelle Studie zu Entscheidungen und KI-Beratung kam beispielsweise zu dem Ergebnis, dass Versuchspersonen KI-Empfehlungen teilweise sogar dann folgten, wenn verfügbare Informationen eigentlich dagegensprachen. Die Forscher sprechen ausdrücklich von der Gefahr einer übermäßigen Abhängigkeit von KI-Ratschlägen.
Auf Beziehungsfragen übertragen bedeutet das nicht, dass ChatGPT automatisch falsche Antworten liefert. Es bedeutet etwas anderes: Wir sollten aufpassen, dass aus „Ich hole mir noch eine Perspektive“ nicht irgendwann „Sag du mir, was ich tun soll“ wird.
Denn dann geben wir etwas ab, das zu unserem Erwachsensein gehört: Entscheidungen auszuhalten.
Und was passiert mit Freundschaften?
Mich beschäftigt noch etwas anderes. Was passiert, wenn wir schwierige Gespräche zunehmend mit einer Maschine führen? Freundschaften bestehen schließlich nicht nur aus gemeinsamen Abendessen, Reisen und lustigen WhatsApp-Nachrichten. Sie bestehen auch daraus, dass jemand sagt:
„Das willst du jetzt vielleicht nicht hören, aber ich glaube, du machst gerade einen Fehler.“
Eine gute Freundin bestätigt mich nicht immer. Manchmal nervt sie mich sogar mit ihrer Ehrlichkeit.
Vielleicht möchte ich ihre Meinung im ersten Moment überhaupt nicht hören. Aber genau darin liegt der Wert einer echten Beziehung. Ein Chatbot riskiert nichts, wenn er mir widerspricht. Eine Freundin schon. Sie riskiert Streit, schlechte Stimmung und im Extremfall sogar die Freundschaft. Wenn sie trotzdem sagt, was sie denkt, ist das etwas anderes als ein automatisch erzeugter Text.
KI ist immer verfügbar, Menschen nicht
Natürlich verstehe ich vollkommen, warum Menschen ChatGPT persönliche Fragen stellen. Die KI ist nachts um halb zwei erreichbar. Sie hört zu. Man muss sich nicht schämen.
Man kann eine Frage formulieren, die man niemandem erzählen möchte. Man kann Gedanken sortieren, bevor man mit jemandem spricht. Dafür finde ich solche Systeme sogar ausgesprochen hilfreich. Problematisch wird es erst, wenn aus einer Ergänzung ein Ersatz wird.
OpenAI und das MIT Media Lab haben 2025 untersucht, wie Menschen ChatGPT auch emotional nutzen. Emotionale Nutzung machte zwar nur einen kleinen Teil der untersuchten Gespräche aus. Bei intensiver Nutzung und bestimmten Nutzergruppen zeigten sich jedoch Zusammenhänge mit emotionaler Abhängigkeit und ungünstigeren Wohlbefindenswerten. Die Forscher betonen ausdrücklich, dass daraus nicht pauschal Ursache und Wirkung abgeleitet werden können.
Das ist eine wichtige Einschränkung. Wir müssen keine Angst davor haben, ChatGPT etwas Persönliches zu fragen. Aber wir sollten merken, wenn die Maschine anfängt, echte Beziehungen zu ersetzen.
Das größere Problem beginnt vielleicht ganz unspektakulär
Ich glaube nicht, dass wir eines Morgens aufwachen und feststellen, dass niemand mehr mit Freunden spricht. Es passiert viel leiser. Man erzählt der Freundin weniger, weil ChatGPT sowieso schneller antwortet.
Man diskutiert weniger, weil die KI angenehmer formuliert. Man hält Widerspruch schlechter aus, weil man sich an geduldige Antworten gewöhnt hat.
Und irgendwann klingt die Meinung einer Freundin subjektiv, während der KI-Text wie eine neutrale Analyse erscheint. Dabei ist vielleicht gerade das Subjektive wertvoll.
Eine Freundin kennt meine Schwächen. Meine Selbsttäuschungen. Meine schlechten Beziehungsgeschichten. Meine wiederkehrenden Muster.
Und sie erinnert sich daran, dass ich vor drei Jahren schon einmal genau denselben Satz gesagt habe. ChatGPT kann Zusammenhänge analysieren. Eine Freundin hat sie möglicherweise miterlebt.
Deshalb frage ich ChatGPT trotzdem
Natürlich benutze ich selbst ChatGPT. Sehr viel sogar. Ich lasse mir Dinge erklären, Texte prüfen, Gedanken sortieren und manchmal auch eine Situation aus verschiedenen Perspektiven betrachten.
Das halte ich für eine der großen Stärken von KI. Vielleicht lautet die entscheidende Frage deshalb gar nicht:
Soll ich meine Freundin oder ChatGPT fragen?
Sondern:
Welche Rolle darf ChatGPT bei meiner Entscheidung spielen?
Für mich sollte die Antwort lauten: Eine zusätzliche Stimme. Ein Sparringspartner. Vielleicht manchmal sogar eine erstaunlich gute Möglichkeit, Gedanken zu sortieren. Aber keine höhere Instanz. Wenn meine langjährige Freundin mir sagt: „Du, ich glaube wirklich, dass du dich da gerade verrennst“, und ChatGPT formuliert dieselbe Erkenntnis anschließend in sieben perfekt aufgebauten Absätzen, dann war der Rat meiner Freundin nicht weniger richtig.
Er war nur weniger elegant formatiert. Und möglicherweise kannte sie die Antwort schon lange, bevor ich überhaupt auf „Senden“ geklickt habe.
