Letztes Update am 16. September 2026 von Marion
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Gestern fragte mich eine Kollegin, ob sie sich ein Tattoo stechen lassen soll. Sie ist noch keine 50, denkt schon länger darüber nach und hadert trotzdem mit sich. Motiv, Stelle, Größe, wirklich für immer? Man kennt diese Fragen.
Meine Antwort kam ziemlich schnell: Ich würde mir heute wahrscheinlich kein Tattoo mehr stechen lassen.
Was insofern ein bisschen widersprüchlich klingt, weil ich selbst eines habe. Und zwar nicht erst seit gestern.
Mein Tattoo befindet sich seit 1995 auf meinem linken Oberarm. Damals waren Tattoos noch etwas anderes als heute. Jedenfalls habe ich sie so empfunden. Man sah natürlich tätowierte Menschen, aber längst nicht an jedem zweiten Arm, Knöchel, Nacken, Handgelenk oder hinter jedem Ohr. Und man musste auch nicht bei den ersten Sonnenstrahlen im April damit rechnen, auf dem Weg zum Supermarkt komplette Familiengeschichten, Lebensweisheiten und botanische Gärten zu sehen.

Mein eigenes Tattoo habe ich übrigens nie bereut. Im Gegenteil. Ich habe es irgendwann sogar erweitern lassen und im September 2025 noch einmal farblich ausmalen lassen. Nach 30 Jahren bekam es also gewissermaßen eine Renovierung.
Ich mag es immer noch. Und trotzdem würde ich heute wahrscheinlich keines mehr anfangen.
Tattoo mit 50: Vielleicht ist genau das der Unterschied
Es gibt einen Unterschied zwischen einem Tattoo, das einen seit Jahrzehnten begleitet, und der Entscheidung, sich heute zum ersten Mal eines stechen zu lassen.
Mein Tattoo gehört inzwischen einfach zu mir. Ich denke darüber ungefähr so häufig nach wie über ein Muttermal. Es ist da. Manchmal sehe ich es im Spiegel, manchmal monatelang kaum bewusst. Es hat verschiedene Lebensphasen mitgemacht, andere Kleidung, andere Frisuren und vermutlich auch die eine oder andere Körperform.
1995 konnte ich selbstverständlich nicht wissen, wie ich 2026 über Tattoos denken würde.
Und vielleicht ist das sogar das Interessante daran: Ein Tattoo friert eine Entscheidung ein, während man selbst sich weiterentwickelt. Das Motiv bleibt. Die Person verändert sich.

Bei mir funktioniert das erstaunlich gut. Ich schaue mein Tattoo heute nicht an und denke: Mein Gott, Marion, was hast du dir damals nur dabei gedacht?
Ich mag es. Wirklich. Aber ich brauche kein zweites.
Tattoos sind inzwischen überall
Der eigentliche Grund ist ziemlich banal: Mir sind Tattoos inzwischen zu alltäglich geworden. Gefühlt hat jeder eines. Und sobald die Temperaturen steigen, werden sie sichtbar.
Natürlich darf jeder mit seinem Körper machen, was er will. Das ist überhaupt nicht der Punkt. Ich möchte niemandem vorschreiben, ob er einen Drachen über den Rücken, einen Schmetterling auf die Schulter oder die geografischen Koordinaten seines ersten Kusses auf den Unterarm tätowieren lässt.
Aber ich muss eben auch nicht alles schön finden.
Manchmal sitze ich im Café und frage mich, seit wann der menschliche Arm eigentlich zum Familienalbum geworden ist. Da stehen Namen von Kindern, Enkeln und Partnern. Geburtsdaten. Sterbedaten. Porträts. Hundepfoten. Engelsflügel. Herzschläge. Sprüche über Familie, Stärke und Liebe. Römische Zahlen, bei denen vermutlich nur der Besitzer weiß, warum der 17. Juni 2014 so entscheidend war.

All das kann für den Menschen, der es trägt, unglaublich wichtig sein. Für mich als Außenstehende ist es das naturgemäß nicht.
Ich muss nicht wissen, wie deine drei Enkel heißen, nur weil wir gemeinsam an der Bushaltestelle stehen. Das klingt vielleicht gemeiner, als es gemeint ist. Denn natürlich darfst du deine Enkel auf dem Oberarm tragen. Nur darf ich gleichzeitig denken: Für mich wäre das nichts.
Früher war das Tattoo eher Statement, heute fast Grundausstattung
Vielleicht ist es einfach der alte Mechanismus: Was selten ist, fällt auf. Was überall ist, verliert etwas von seiner Besonderheit.
1995 fühlte sich ein Tattoo zumindest für mich noch nach einer bewussteren Entscheidung an. Es war nicht automatisch Bestandteil eines bestimmten Looks.
Heute kann man manchmal fast den Eindruck bekommen, dass die Frage nicht mehr lautet: „Warum möchtest du ein Tattoo?“
Sondern: „Wie, du hast noch keins?“
Genau da setzt bei mir offenbar eine kleine Gegenbewegung ein. Wenn alle etwas machen, bekomme ich oft weniger Lust darauf.
Ich habe nie verstanden, warum man etwas unbedingt haben muss, nur weil es gerade alle tragen. Das gilt für bestimmte Sneaker genauso wie für Handtaschen, Augenbrauen, Inneneinrichtung und eben Tattoos.
Und nein, das bedeutet nicht, dass Menschen mit Tattoos alle irgendeinem Trend hinterherlaufen. Viele haben ihre Motive seit Jahrzehnten. Andere verbinden damit sehr persönliche Geschichten.
Aber für meine eigene Entscheidung heute spielt die Allgegenwart von Tattoos eine Rolle.
Was ich meiner Kollegin geraten habe
Eigentlich nur eines: Wenn du schon länger haderst, dann lass dir Zeit. Ein Tattoo läuft nicht weg. Wenn du in sechs Monaten noch immer genau dieses Motiv an genau dieser Stelle haben möchtest, kannst du es immer noch machen.
Ich würde mich jedenfalls nicht tätowieren lassen, weil ich denke, dass ich mich jetzt endlich entscheiden muss. Denn gerade dieses Zögern ist doch interessant.
Vielleicht will man das Tattoo unbedingt. Vielleicht gefällt einem aber auch einfach nur die Vorstellung, jemand zu sein, der dieses Tattoo trägt. Das ist nicht unbedingt dasselbe. Und natürlich verändert sich Geschmack.
Wer hätte 1995 gedacht, welche Motive drei Jahrzehnte später modern sein würden? Wer weiß, was Menschen 2055 über die feinen Fineline-Tattoos sagen werden, die heute überall zu sehen sind?
Wahrscheinlich ungefähr das, was wir heute über Arschgeweihe aus den Neunzigern sagen. Jede Generation bekommt offenbar die Tattoos, über die die nächste Generation irgendwann lächelt.
Das eine Tattoo würde ich mir tatsächlich noch stechen lassen
Und jetzt kommt die Ausnahme. Es gibt tatsächlich ein Tattoo, bei dem ich heute noch einmal überlegen würde: das Organspende-Tattoo Opt.Ink.
Das gefällt mir nämlich nicht nur optisch. Dahinter steckt eine konkrete Aussage.
Das Symbol wurde von der Organisation Junge Helden entwickelt. Zwei Halbkreise ergänzen sich zu einem Ganzen. Das Motiv steht für die Entscheidung zur Organspende und soll gleichzeitig ein Gespräch darüber anstoßen. Inzwischen beteiligen sich Hunderte Tattoo-Studios in Deutschland an der Aktion.
Und ja, an dieser Stelle muss ich meine spontane Behauptung gegenüber meiner Kollegin ein bisschen korrigieren: Das Tattoo ist nicht automatisch überall kostenlos.
Einige teilnehmende Studios stechen das Grundmotiv kostenlos, manche bieten besondere kostenlose Aktionstage an, andere stechen es gratis zu einem ohnehin gebuchten Tattoo. Teilweise kann auch eine Materialpauschale entstehen. Die Konditionen sollte man deshalb vorher beim jeweiligen Studio erfragen. Junge Helden hat hier eine Karte veröffentlicht, auf der ihr sehen könnt, welche Studios mitmachen.

Viel wichtiger ist allerdings etwas anderes: Opt.Ink ist kein offizieller Organspendeausweis.
Das Tattoo soll die persönliche Entscheidung sichtbar machen und Angehörigen einen deutlichen Hinweis geben. Junge Helden empfiehlt ausdrücklich, die eigene Entscheidung zusätzlich zu dokumentieren und mit der Familie darüber zu sprechen.
Das finde ich sinnvoll.
Und auch das Motiv gefällt mir. Schlicht, klein, keine Lebensweisheit in Schreibschrift, keine Rosenranke und kein Porträt von irgendjemandem. Vielleicht wäre das tatsächlich Tattoo Nummer zwei.
Mit 55 muss ich nicht mehr jeden Trend ausprobieren
Vielleicht hat meine Haltung auch mit dem Alter zu tun. Nicht im Sinne von „Mit 55 macht man so etwas nicht mehr“. Im Gegenteil. Wer mit 65 sein erstes Tattoo möchte, soll sich mit 65 sein erstes Tattoo stechen lassen.
Ich glaube nur, dass man irgendwann besser darin wird zu unterscheiden, was man wirklich möchte und was man nur interessant findet.
Ich möchte zum Beispiel noch viele Städte sehen. Ich möchte noch sehr oft mit einer Vespa durch Italien fahren. Ich möchte noch auf viele Konzerte gehen und Dinge ausprobieren, die ich heute noch nicht kenne.
Aber ich brauche dafür nicht unbedingt weitere Bilder auf meiner Haut. Das Tattoo von 1995 darf bleiben. Es darf sogar bunt sein. Wir beide haben schließlich schon einiges miteinander erlebt.
Würde ich also zu einem Tattoo raten?
Nein.
Ich würde aber genauso wenig davon abraten.
Wenn meine Kollegin mich heute noch einmal fragt, würde ich vermutlich sagen: Wenn du wirklich eins möchtest, wirst du irgendwann aufhören zu überlegen, ob du eins möchtest. Dann wirst du nur noch überlegen, welches.
Solange die erste Frage noch nicht geklärt ist, würde ich warten. Denn Tattoos sind heute zwar nichts Besonderes mehr. Das eigene sollte sich trotzdem so anfühlen.
